Agroforst erlebenđŸŒłđŸšœđŸŒŸ – warum BĂ€ume auf den Acker gehören

Vortrag Agroforst erleben von Christian Diehl

Vortrag und FĂŒhrung durch den HĂŒhnerwald auf dem Biohof Vogl in Bitz am 19.09.26

Wie können BĂ€ume und Landwirtschaft auf einer FlĂ€che zusammenarbeiten? Und warum wird genau diese Kombination in Zukunft immer wichtiger? Um diese Fragen ging es am Samstag, 19. September 2026, beim Vortrag „Agroforst erleben“ auf dem Biohof Vogl in Bitz. Eingeladen hatte unser Ortsverband Denkendorf Stammham.

Die Veranstaltung

Die Veranstaltung fand direkt am Hofladen des Biohof Vogl neben dem HĂŒhnerstall statt. Eröffnet wurde sie von Christine Stark, der neu gewĂ€hlten Sprecherin unseres Ortsverbands. Danach gab Christian Diehl einen fundierten und anschaulichen Einblick in die Welt der Agroforstsysteme, von den Grundlagen ĂŒber rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen bis zu konkreten Praxisbeispielen aus Bayern. Er berĂ€t mit seinem Unternehmen treelution Landwirtinnen und Landwirte bei der Planung und Umsetzung von Agroforstsystemen auf deren Betrieben, ist als Baumwart im Obstbaumschnitt tĂ€tig und forscht an der Hochschule Weihenstaphan-Triesdorf zur Ökonomie von Agroforstsystemen. 

Was ist Agroforst?

Bei der multifunktionalen Agroforstwirtschaft werden Gehölze, also BÀume oder StrÀucher, so mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung auf einer FlÀche kombiniert, dass zwischen den Komponenten ökologische, ökonomische und soziale Vorteile entstehen. Man unterscheidet zwei Grundformen:

  • Silvoarable Systeme (lat. silva = Wald, arare = ackern): Gehölzstreifen wachsen zwischen Ackerkulturen, zum Beispiel Getreide und Pappeln.
  • Silvopastorale Systeme (lat. pastio = Weideplatz): Gehölze und Tiere teilen sich die FlĂ€che, zum Beispiel Legehennen unter Pappeln wie hier auf dem Biohof Vogl.

Was bringen BĂ€ume auf dem Acker?

Gehölzstreifen wirken wie eine natĂŒrliche Klimaanlage fĂŒr die FlĂ€che. Sie bremsen den Wind, verringern die Verdunstung und erhöhen die Luft- und Bodenfeuchte im Windschatten. Gerade in trockenen Sommern ist das ein entscheidender Vorteil.

HĂ€ufig kommt die Frage: Geht dadurch nicht zu viel AnbauflĂ€che verloren? Direkt an den Baumreihen sinkt der Ertrag tatsĂ€chlich etwas, weil BĂ€ume und Kulturpflanzen um Licht, Wasser und NĂ€hrstoffe konkurrieren. Diese Konkurrenz beschrĂ€nkt sich aber auf einen schmalen Bereich. Darauf folgt eine Übergangszone und schließlich der Großteil der FlĂ€che, auf dem die BĂ€ume keinen negativen Einfluss mehr haben. Über die gesamte FlĂ€che ist der Ertrag im Durchschnitt sogar höher. Ein Hektar Agroforst liefert in der gemĂ€ĂŸigten Klimazone EuropasklimEuropa durchschnittlich so viele Produkte wie 1,4 Hektar, auf denen Acker und Forst getrennt voneinander bewirtschaftet werden. Das sind rund 30 Prozent weniger FlĂ€chenbedarf.

Vielfalt an Produkten

Aus Agroforstsystemen lĂ€sst sich weit mehr gewinnen als Holz. Die Palette reicht von Getreide, Eiern und AgroforsthĂŒhnern ĂŒber Obst (etwa als Marmelade, Saft oder Likör), NĂŒsse, Honig, Fleisch- und Milchprodukte bis zu Futterlaub und Substrat fĂŒr Speisepilze. Auch das Holz selbst ist vielseitig nutzbar: als Hackschnitzel, Pellets und Briketts, als Wertholz fĂŒr Möbel, Parkett, Spielzeug und Musikinstrumente, als Rindenmulch oder Torfersatz. Selbst Pappelflaum als BettfĂŒllung und SalicylsĂ€ure aus Weidenrinde sind möglich.

Rechtlicher Rahmen und Förderung

Damit eine FlÀche als Agroforstsystem anerkannt wird, gelten einige Regeln:

  • mindestens zwei Gehölzreihen,
  • höchstens 40 Prozent Gehölzanteil auf der FlĂ€che,
  • nicht mehr als 100 Meter Abstand zwischen den Gehölzreihen,
  • mindestens 20 Meter Abstand zur nĂ€chsten Hecke oder zum nĂ€chsten Wald,
  • keine Arten von der Negativliste, darunter Robinie, Roteiche, SpĂ€te Traubenkirsche und Blauglockenbaum.

Das Pflanzen und darauf folgende Bewirtschaften der BĂ€ume auf landwirtschaftlichen FlĂ€chen ist seit 2023 rechtlich festgeschrieben. Ein Agroforstsystem wird als landwirtschaftliche FlĂ€che eingestuft und ist dadurch vorrangig der Lebensmittel- und Rohstoffproduktion zuzuschreiben und nicht vorrangig der BiodiversitĂ€ts- oder Ökologieförderung, obwohl diese ein nicht zu unterschĂ€tzender Nebeneffekt eines jeden Agroforstsystems ist. Ü4. Über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) gibt es fĂŒr die GehölzflĂ€che eine jĂ€hrliche PrĂ€mie von 600 Euro pro Hektar. In Bayern wird außerdem die Pflanzung gefördert, und zwar mit 65 Prozent der Kosten. Die FördersĂ€tze liegen bei 1.566 Euro pro Hektar fĂŒr Kurzumtriebsgehölze, 4.138 Euro fĂŒr StrĂ€ucher und 5.271 Euro fĂŒr Baumarten zur Nahrungsmittel- oder Wertholzproduktion. Ein Rechenbeispiel aus dem Vortrag: Bei 10 Prozent WertholzflĂ€che auf einem Hektar Acker gibt es rund 343 Euro Investitionsförderung und jĂ€hrlich 60 Euro FlĂ€chenprĂ€mie. Dem steht ein Pflegeaufwand gegenĂŒber, denn der Wertholzschnitt bei der Stammholzproduktion dauert etwa 15 Minuten pro Baum. Berechnet man eine Arbeitsstunde des Fachpersonals mit 30 €/h so reicht die FlĂ€chenprĂ€mie fĂŒr 8 BĂ€ume. Auf 1 ha Beispielacker stĂŒnden aber 200 BĂ€ume. Hier gibt es also noch viel Nachholbedarf aus seiten der Politik, um die Förderung fĂŒr Betriebe praxisnah zu gestalten. Die oben aufgefĂŒhrten Ökosystemleistungen von Agroforstsystemen können aktuell noch nicht eingepreist werden und werden kostenlos von Landwirtinnen und Landwirten geliefert. Die gesamte Gesellschaft profitiert davon, warum nicht auch die landwirtschaftlichen Betriebe in ökonomischem Sinne um wenigstens die Kosten gedeckt zu bekommen?

Praxisbeispiele aus Bayern

Besonders eindrucksvoll war das Beispiel Friedlöd bei Wittibreut im Landkreis Rottal-Inn. Auf einer fĂŒnf Hektar großen, konventionell bewirtschafteten PachtflĂ€che wurde eine sogenannte „Masterline“ angelegt. Dabei wurden Gehölzstreifen auf 12 Prozent der FlĂ€che mit 890 Metern GrĂ€ben und 500 Quadratmetern Überlaufschwellen kombiniert, um Wasser in der FlĂ€che zu halten. Das Ergebnis: 56 Prozent weniger Bodenabtrag, mit angepasster Bewirtschaftung wie Mulchsaat, konservierender Bodenbearbeitung und ZwischenfrĂŒchten sogar mindestens 66 Prozent. Die Baggerarbeiten fanden im Oktober 2024 statt. Beim ersten Starkregen am 22. Dezember 2024 blieben stĂ€rkere ErosionsschĂ€den aus, obwohl die FlĂ€che frisch bearbeitet war und noch nichts darauf wuchs. Ende Januar 2025 wurden die BĂ€ume gepflanzt, und die Bilder aus den folgenden Monaten zeigten eindrucksvoll, wie schnell sich das System entwickelt.

Agroforstsystem im Masterline-Design im Friedlöd in Wittibreut

Ein weiteres Beispiel war der Lindenhof Klas in Windach am Ammersee. Dort wurden im April 2025 Gehölze zur Energieholzgewinnung auf dem Acker gepflanzt. Schon 16 Monate spĂ€ter waren die BĂ€ume deutlich ĂŒber den Traktor gewachsen, der die Reihen zwischen den BĂ€ume pflegte.

Außerdem zeigte der Vortrag, wie ein HĂŒhnerwald entsteht: Von MĂ€rz bis Mai werden Pappelruten direkt in den Boden gesteckt. Sie treiben innerhalb weniger Wochen aus, und bereits in der zweiten Vegetationsperiode spenden sie den HĂŒhnern Schatten und Deckung.

Warum Agroforst in Zukunft unverzichtbar wird

Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Hitze, lange Trockenphasen und Starkregen nehmen durch den Klimawandel zu, und gleichzeitig wird landwirtschaftliche FlĂ€che immer knapper. Agroforstsysteme können hier an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen: Sie halten Wasser in der Landschaft, schĂŒtzen den Boden vor Wind- und Wassererosion, verbessern das Mikroklima, schaffen LebensrĂ€ume fĂŒr Tiere und Pflanzen und eröffnen landwirtschaftlichen Betrieben zusĂ€tzliche Einkommensquellen, und das alles auf derselben FlĂ€che. Damit machen sie Betriebe widerstandsfĂ€higer und leisten einen wichtigen Beitrag zu einer zukunftsfĂ€higen Landwirtschaft in unserer Region.

HoffĂŒhrung im HĂŒhnerwald

Nach dem Vortrag konnten alle Besuchenden das Agroforstsystem des Biohof Vogl selbst besichtigen. Im sogenannten HĂŒhnerwald ist der Auslauf des HĂŒhnerstalls mit schnellwachsenden Pappeln kombiniert. Zum Schutz der HĂŒhner vor Fressfeinden leben Alpakas und Lamas mit auf der FlĂ€che. So wurde vor Ort greifbar, was im Vortrag theoretisch erklĂ€rt worden war.

Vielen Dank!

Ein großes Dankeschön geht an Familie Vogl, die die DurchfĂŒhrung der Veranstaltung möglich gemacht hat, und an alle, die mit uns diskutiert und den HĂŒhnerwald erkundet haben. Wir freuen uns schon auf die nĂ€chste Veranstaltung!

Informationen und Beratung zum Thema Agroforstsysteme erhaltet ihr bei treelution – Agroforst Dienstleistungen – Christian Diehl

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